Liebe Mitfeiernde und Mitarbeitende, liebe Alteingesessene und liebe Gäste, die ihr vielleicht zum ersten Mal hier seid! Ein Pfarrfest ist mehr als ein gemütliches Beisammensein rund um eine heilige Messe, die dann halt auch gefeiert wird. Es ist ein sichtbares Zeichen, dass Kirche lebt – und es will ein sichtbares Zeichen dafür sein, dass sie aus ihrer Mitte, aus Jesus Christus heraus, lebt. Dass Glaube nicht nur etwas ist, was man für sich allein im Herzen trägt, sondern etwas, das Menschen verbindet, zusammenführt und so Gemeinschaft entstehen lässt. Und dass Glaube etwas ist, das auch nach außen getragen werden will. Glaube ist keine Privatsache.
Ich möchte heute schon jetzt in der Predigt Danke sagen. Danke allen, die über das ganze Jahr hinweg mithelfen, oft im Verborgenen und ohne großes Aufsehen. Danke den vielen Ehrenamtlichen, die Zeit, Kraft und Ideen einbringen: den Ministrantinnen und Ministranten, den Lektorinnen und Lektoren, den Kommunionspendern, den Menschen im Pfarrgemeinderat, dem Vermögensverwaltungsrat, denen, die den Rasen mähen, und denen, die die Gruppen leiten, den Helferinnen und Helfern bei Festen wie dem heutigen, den Blumenfrauen Stephanie Eder und Monika Fuchs, den Organisatoren des Pfarrfestes und allen, die anpacken, wenn ganz spontan Arbeit anfällt.
Eine Pfarre lebt nicht von Gebäuden, nicht von Programmen und auch nicht von Festen. Sie lebt von Menschen, die sagen: „Ich bin bereit, meinen Teil beizutragen.“ Und wir brauchen Ehrenamtliche und nicht bloß Freiwillige: Menschen, die ihre Pflicht erfüllen, auch wenn sie gerade nicht wollen – und nicht nur in unserer Kirche, sondern in unserer Gesellschaft. Deswegen ist diese Predigt auch ein großes Danke an das Pflichtbewusstsein so vieler Menschen in unserer Pfarre und in unserem Land. Dafür sage ich auch: Vergelt’s Gott.
Ein besonderer Dank in diesem Gottesdienst gilt natürlich dem Kunigundenchor, der heuer sein 15-jähriges Bestehen feiert. 15 Jahre lang haben Sängerinnen und Sänger ihre Stimmen eingebracht, geprobt, Zeit investiert und unzählige Gottesdienste mitgestaltet. Schon ein kurzes Lied kann das menschliche Herz viel schneller erreichen als tausend Worte – oder als die 3.000 Worte, die ich heute sprechen werde. Aber der Kirchenmusik wohnt darüber hinaus eine besondere Kraft inne: Sie vermag zu trösten, Zuversicht und Mut zu schenken, Ärger und Trauer hinwegzufegen, zu heilen. Und ich war schon sehr gespannt – und sage es bereits nach Kyrie und Gloria: Sie vermag uns ganz nach oben zu erheben. Deshalb danken wir heute allen Mitgliedern des Kunigundenchores, im Besonderen Wolfgang Hrubec und Michael Poklop und allen anderen, die über viele Jahre hinweg treu geblieben sind – wahrscheinlich auch in guten und in schlechten Tagen.
Möge Gott ihren Dienst reich segnen und ihnen weiterhin Freude an der Musik schenken. Kirchenmusik kostet Geld, Hochämter kosten Geld, und darum bedanke ich mich auch sehr bei einem anonymen Spender, der dieses Hochamt möglich macht. Und ich sage es: Wir sind als Kirche sehr privilegiert – in manchem aber auch nicht. Viele andere Spenden können steuerlich abgesetzt werden, Spenden an eine Pfarrgemeinde nicht. Darum sage ich ein extra großes Vergelt’s Gott und verstehe, wenn wir den Wunsch haben, das auch gerne anders auszugleichen. Ich bitte Sie aber auch beim Ausgang um Ihre großzügige Gabe, damit die Verantwortlichen sich auch in Zukunft mehr auf die Musik als auf die Beschaffung der Mittel konzentrieren können.
Wir hören heute, passend zu unserem Fest, die Cäcilienmesse von Charles Gounod. Er war ein bedeutender französischer Komponist des 19. Jahrhunderts – und wir haben schon gehört, warum wohl. Vielen Menschen ist er durch sein Ave Maria bekannt geworden. Die Cäcilienmesse entstand im Jahr 1855 und gilt nicht umsonst als eines seiner schönsten geistlichen Werke. Ich glaube wirklich sagen zu dürfen: Er schrieb Musik, die das Gebet der Kirche trägt. Wir hören nicht nur die Musik – wir lassen uns von ihr hineinnehmen in das Lob Gottes.
Cäcilia, nach der diese Messe benannt ist, lebte vermutlich im dritten Jahrhundert in Rom. Sie stammte aus einer angesehenen Familie und hatte ihr Leben bereits in sehr jungen Jahren Christus geweiht. Um ihre weitere Lebensgeschichte ranken sich einige Legenden; was wahr ist und was gut dazu erfunden ist, ist nicht immer zu unterscheiden. Aber es dürfte stimmen, dass sie gegen ihren Willen verheiratet wurde. Sie blieb ihrem Glauben treu und gewann sogar ihren Mann und weitere Menschen für Christus. In einer Zeit der Christenverfolgung bekannte sie ihren Glauben offen und wurde schließlich zur Märtyrerin. Den Tod ihres Gatten und der Menschen, die sich zu Christus bekehrt hatten, musste sie aber vorher miterleben. Die Legende erzählt, dass während ihrer Hochzeit Musik erklang, während sie allein in ihrem Herzen Gott sang. Deshalb wird sie bis heute als Patronin der Kirchenmusik verehrt.
Ich gestehe: Als ich die Lesungen des heutigen Sonntags gelesen habe, habe ich mir gewünscht, es wären andere. Es sind Lesungen, die nicht zu einem Pfarrfest passen – aber es sind Lesungen, die zum Leben einer heiligen Cäcilia passen. Es ist die erste Lesung aus dem Buch Jeremia. Auch das Buch Jeremia gehört zu den am schwersten verständlichen Büchern der Heiligen Schrift – nicht nur wegen seines Inhalts, sondern weil auch seine Struktur nicht unseren gewohnten Maßstäben folgt. Aber wir dürfen sagen: An einem Buch wie Jeremia – oder besser gesagt: an dem Buch Jeremia – zerbricht sogar die Postmoderne. Es macht keinen Sinn, was Jeremia widerfährt. Und gerade deswegen ist es so wichtig, verkündet zu werden.
Jeremia hatte sich sein Leben auch ganz anders vorgestellt. In jungen Jahren wird er von Gott berufen, und das Erste, was er sagt, ist: „Lieber Gott, ich bin noch zu jung.“ Aber Gott lässt ihn nicht entwischen. Jeremia wollte nicht ständig anecken, aber mit dem, was Gott ihm sagt, was er den Menschen verkünden soll, eckt er andauernd an. Er wird ausgelacht und verspottet, und als er nicht aufgibt, wird er verfolgt. Mehrmals wird sein Leben bedroht. Immer wieder gerät er wegen seiner Botschaft in Schwierigkeiten. Die Menschen wollen nicht hören, was Gott ihnen durch den Propheten Jeremia sagt. Bekannt ist Jeremia für seine Konfessionen, für seine Bekenntnisse. Er ist einer der wenigen Propheten, der es wie kein anderer wagt, mit Gott zu streiten – der Gott sogar ein Vergehen an ihm selbst vorwirft und nicht mehr will. Und doch merkt er: Er kann nicht anders, denn in seinem Herzen brennt ein Feuer, das ihn verbrennt, wenn er seinen Mund verschließt.
Das sehen wir auch bei Cäcilia. Ich weiß nicht, wie sehr Cäcilia das Buch Jeremia gekannt hat oder nicht, aber es spiegelt sich doch wider – in so vielen Menschen, die sich vieles hätten ersparen können: die hätten schweigen können, die sich hätten anpassen können, die hätten Kompromisse machen können – und es doch nicht konnten. Ich glaube, früher oder später muss sich jeder Mensch mit der Frage auseinandersetzen: Warum nehmen Menschen Verfolgung, Widerstand oder Opfer auf sich? Und ich glaube, der Rückgriff auf das Pflichtbewusstsein gegenüber sich selbst greift zu kurz. Es ist nicht bloß eine Pflicht, die ich gegenüber mir als Menschen schuldig bin – das ist zum Beispiel das, was wir Zivilcourage nennen: Ich traue mich, offen etwas auszusprechen, oft etwas zu tun, weil ich diese Pflicht gegenüber mir selbst als Menschen erkenne und anerkenne.
Aber Jeremia und Cäcilia haben etwas erfahren, das noch größer war als Pflicht. Sie haben entdeckt, wozu Gott sie gerufen hat. Und wenn ich diesem Ruf ausweiche, dann leide ich mehr, als die Welt mich leiden machen wird, wenn ich dem Ruf folge. Das, glaube ich, meint Jesus in dem heute auch so schwierigen Evangelium, in dessen Mitte es geheißen hat: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann.“ In meinen Worten: Fürchtet euch nicht davor, wenn euch die Gesellschaft nicht mehr versteht, weil ihr plötzlich anders handelt – sondern fürchtet euch davor, wenn ihr dem Ruf eures Wesens nicht folgt. Denn dann werdet ihr viel tiefer leiden, selbst wenn euer ganzes restliches Leben erfolgreich ist.
Der Benediktiner Anselm Grün schrieb unter anderem ein Buch mit dem Titel „Lebensmitte als geistliche Aufgabe“. Darin schreibt er, dass Menschen ihre eigentliche Berufung oft nicht in Zeiten des Erfolges entdecken, sondern gerade in den Krisen. Solange alles nach Plan läuft, glauben wir oft, unser Leben selbst in der Hand zu haben. Doch irgendwann geraten wir an einen Punkt, wo alles fragwürdig wird: eine Krankheit, eine Enttäuschung, ein Verlust, das Älterwerden – oder die Erkenntnis, dass manche Träume sich nicht erfüllen werden, oder dass manche Träume nicht halten, was sie versprochen haben, wenn sie erfüllt worden sind. Solche Erfahrungen wünschen wir uns nicht, aber sie können zu einer geistlichen Chance werden.
Ich widme diese Predigt all jenen Menschen, deren Leben von außen ganz erfolgreich ist: die sich angestrengt haben, ehrlich angestrengt haben und beruflich etwas erreicht haben; die in einer glücklichen Beziehung leben, so scheint es, und die sich auch in diese Beziehung investiert haben, die wissen, dass nicht alles vom Himmel fällt, sondern dass man sich anstrengen muss; Menschen, die Kinder haben, die gesund sind, die keine Schwierigkeiten in der Schule haben, die einen Plan für ihr Leben haben; Menschen, die gesund sind und nicht von einem Leiden geplagt sind – und die dann plötzlich innerlich darauf kommen: „Am liebsten möchte ich weglaufen“, und die keine Erklärung dafür haben. Und die auch kein Verständnis finden. Denn stellen Sie sich so einen Menschen vor: beruflich erfolgreich, gesund, eine glückliche Beziehung und Kinder, die gedeihen – und der beschwert sich. Wer würde da nicht Steine aufheben? Und gerade das zeigt uns, dass es mehr gibt als äußerlichen Erfolg, als Erfolg, der von außen bestimmt ist.
Wir brauchen auch den Druck von außen, damit wir eine Form gewinnen können. Wir brauchen Regeln, damit wir leben und handeln können. Ich war gespannt bei der heutigen Predigt, ob schon applaudiert wird – aber während der Predigt applaudiert man nicht; man applaudiert erst nach dem Schlussgebet, nach den Dankesworten. Solche Strukturen sind gut. Aber es kommt die Grenze, wo solche Strukturen das eigene Leben auch ersticken können. Und ich spreche nicht davon, dass man sich in so einer Situation lange Haare wachsen lässt, ein Motorrad kauft und nach Indien fährt – das ist nicht die Antwort auf so eine Lebenskrise.
Aber ich möchte diesen Menschen heute sagen: Ihr seid nicht allein. Und vielleicht kommt der Punkt, an dem ihr zurückschaut und sagen werdet: Das war das Eingangstor, das Gott gewählt hat, um endlich in mein Leben zu treten. Und dann kann diese Erfahrung das Leben gestalten. Manchmal reicht – wie bei Paulus – ein einziger Punkt, und das Leben kann neu werden. Und das heißt nicht, dass man dann plötzlich einen neuen Beruf ergreift oder sich scheiden lässt. Nein, es heißt, dass man neu wird in dem, was man tut – weil man von innen heraus neu werden kann, wenn man lernt, auf das zu hören, was innen ist.
Karlfried Graf Dürckheim hat das in seinem Buch „Der Alltag als Übung“ geschrieben. Und für mich hat sich dadurch erschlossen, warum es in den östlichen Religionen, in den östlichen Techniken so viel um den Atem geht. Und ich spreche nicht von Atemtechniken, mit denen wir lernen, unseren Atem zu beherrschen. Ich spreche von der Aufmerksamkeit gegenüber dem Atem, weil das der erste Ort ist, wo unser Wesen sich zeigt – wenn wir einfach achtsam darauf sind, wie wir atmen. Und als Christ kann ich sogar sagen: wie wir geatmet werden. Denn der Atem ist das erste Geschenk Gottes an uns. Und das, was vielleicht bisher im Leben als unsinnige Zeitverschwendung angesehen wurde, kann zum Schlüssel werden zu dem, was mein Wesen ausmacht.
Ohne Pflichtbewusstsein, ohne menschliche Reifung, ohne das Äußere gelingt menschliches Leben nicht. Aber dort, wo es das Einzige ist, erstickt es das innere Leben, das Gott in uns hineingelegt hat. Und es gilt immer wieder neu, dieses Leben zum Blühen zu bringen – auch selbstlos, für die Menschen um uns herum. Denn jeder Dienst, den wir tun, jede Arbeit, jede Beziehung wird dadurch neu, wird lebendig. Und wir sind nicht allein darin. Gottes Zusage an uns ist: Auch wenn es nicht leicht wird – es wird gut werden. Amen.





