Jesus Sirach vs Kohelet

Pfarrer TomNeuigkeiten

Einleitung zur Predigt

(Ausgangspunkt: Sir 24,1–2.8–12 [1–4.12–16])

Die heutige erste Lesung ist ungewöhnlich.
Denn hier spricht nicht ein Mensch über Gott –
sondern die Weisheit selbst erhebt ihre Stimme.

„In der Versammlung des Höchsten öffnet sie – die Weisheit – ihren Mund
und in Gegenwart seiner Macht rühmt sie sich:“

Das wirkt auf den ersten Blick fremd.
Wir sind gewohnt, dass Menschen suchen, fragen, zweifeln.
Hier aber ist es umgekehrt:
Die Weisheit kommt inmitten des Volkes Gottes.

Der Schöpfer des Alls gebot mir,
der mich schuf, ließ mein Zelt einen Ruheplatz finden.
Er sagte: In Jakob schlag dein Zelt auf
und in Israel sei dein Erbteil!

Sie ist nicht Idee,
nicht Methode,
nicht Ergebnis kluger Überlegung.

Weisheit hat eine Herkunft – sie kommt von Gott.
Und sie hat einen Wohnort: mitten unter den Menschen,
in Israel, im Gesetz, in der Geschichte Gottes mit seinem Volk.

Damit setzt Ben Sira einen starken Akzent:
Weisheit ist nicht das,
was wir uns erarbeiten,
sondern das, was uns anvertraut wird.

Diese Lesung klingt geordnet, ruhig, fast tröstlich.
Sie spricht von Verwurzelung, von Bleiben, von Fruchtbarkeit.

Und genau hier wird es spannend.
Denn nicht alle Stimmen der Bibel sprechen so.

Neben dieser Weisheit, die sagt:
„Hier ist mein Platz.“
steht eine andere Stimme, die fragt:
„Und was, wenn das Leben trotzdem zerbricht?“

Heute wollen wir beide hören.
Die Stimme der Weisheit, die Ordnung verheißt –
und die Stimme der Erfahrung, die fragt, ob diese Ordnung trägt.

Sirach – und Kohelet.
Nicht als Gegner.
Sondern als Gesprächspartner
für unseren Glauben heute.

Dialog


(ruhig, gesetzt)


(nüchtern, ehrlich)




Erzähler

Hier beginnt die Spannung.
Sirach traut der Welt.
Kohelet traut ihr nicht – trotz Gott.








Erzähler

Zwei Stimmen.
Keine widerlegt die andere.
Sie korrigieren sich.


Sirach


Kohelet


Erzähler – Schluss

Vielleicht ist Weisheit genau das:
nicht eine einzige Antwort,
sondern die Fähigkeit, beide Stimmen auszuhalten.

Ordnung – und Ehrlichkeit.
Vertrauen – und Nüchternheit.